Ach, wie
die Zeit vergeht ... Erinnern wir uns an den 2. September 1995: Eine junge Dame
ganz allein auf einer Bretter-Bühne hat die 1.
Rocknacht eröffnet. Das Publikum war noch nicht
rocknacht-geprüft. So erschienen die Damen im Seidenblüschen,
Hackenschuhen und der Po-Po-Manschette, bei den Herren war die Anzugsordnung
entsprechend dünn.
Bis zur 10. Rocknacht wurde man immer cleverer. Da
sieht man schon Camping-Stühle, Hocker, Decken und Regenprophylaxe.
Letztere Utensilien werden aber in diesem Jahr nicht gebraucht, obwohl in der
Umgebung Prasselregen niedergeht - Die Plattenburg hat eben ihr eigenes Klima -
in jeder Hinsicht!
FREITAG, der 13. kann nur ein Glückstag sein.
Alles läuft bestens. Die Bands reisen pünktlich an, der
Soundcheck ist perfekt. Es fehlt nur Jan Josef Liefers. Im Tatort-Krimi soll er
ja schon einmal auf einem Bauernhof auf- oder festgehalten(?) worden sein. An
"Das Wunder von Lengede" mag lieber niemand denken. Die Veranstalter
können aber beruhigt werden. JJ Liefers wurde am einsamen Waldesrand
beobachtet. Alles wird gut.
Wenig später wird weitere Prominenz vor der Burg
begrüßt. Tatortkommissar Baltic alias Miro Nemec und Gefolgschaft
fahren vor. Dies ist nicht das überhebliche Vorfahren, was man zu kennen
glaubt, es sollen nur die Instrumente in Gewahrsam genommen werden. Der
Auftritt seiner Band Asphyxia folgt erst am nächsten Tag. Schon sind sie
wieder weg, wollen den Ablauf nicht stören, aber zum Abend wurde sich zur
"Tatortbegehung" verabredet.
Gegen halb acht ertönt der bewährte Trailer "Anya". Ihm
hört man als einziges das Alter an, das darf auch sein, wo er schon so
vielen Bands als Opener diente. (Auch eine CD hält nicht, was sie
verspricht.)
Nach Begrüßungs- und Dankesworten von den
Veranstaltern gibt es die erste positive Überraschung für das
Publikum, das sich so langsam einfindet.
Auf die Bühne wird ein sichtlich aufgeregter "Pale Moon"
gebeten, und der "Blasse Mond" erweist sich als verdammt leuchtend. Es werden
nur eigene Stücke gespielt, die sehr gut arrangiert sind, gleich ins Ohr
gehen und die man so gar nicht einordnen kann, denn schon allein das verwendete
Instrumentarium ist beeindruckend: Twin-Guitars, Bass, Keyboard, Sax, Cello,
Violine und natürlich das weibliche Gesangs-Duo. Das hat was. Pale Moon
rocken mit schönen Melodien, und es erweist sich wieder einmal, dass harte
Gitarren und klassische Instrumente gut harmonieren können. Die Stimmen
der beiden Mädels passen auch hervorragend zusammen und "stimmen".
Die unterschiedlichen Stimmlagen werden gekonnt ausgenutzt.
Sicherlich ist noch nicht alles vollkommen, doch hat es um Meilen mehr als
"DSDS". So ging ohne Zugabe natürlich gar nichts. Um diese Band sollte man
sich kümmern.
Mit Überraschungen ging es gleich
weiter. Die Musik der Band war bekannt, aber ihre Bühnenshow nicht. Auf
die Bühne kamen vier junge Männer mit einem etwas eigenartigen
Outfit. Die Anzüge waren nicht von hier und heute und die Möppe auf
den Köppen ließen Eigenartiges erwarten. Was dann aus den Boxen kam,
war eindeutig Halbplayback. Was soll dass? Reingelegt, es war nur das Intro und
dafür wiederum sehr gut. Und was dann folgte, war schon ziemlich
einzigartig. Kapelle Petra heißt die gute Band aus Hamm, und es ging ab.
Die Musik ist schon im Umfeld von Tocotronic und Sportfreunde Stiller
angesiedelt und bei manchem Besucher kam etwas musikalische und textliche
Ostalgie auf. "Das Protestlied" und "Geburtstag" glaubte man schon einmal
gehört zu haben. Die Band rockte und sparte nicht mit Sozialkritik in
ihren Texten. Es gab auch reichlich Showeinlagen, die Kapelle Petra so
einzigartig machten. Ein Reißverschluß-Solo hatte bis dato wohl
keiner der Burggäste gehört oder gesehen.
Die Band musiziert zu dritt und Gazelle gehört zur Dekoration
als Bühnenmonument, das filmt, liest, sich Hefte mit leichtbekleideten
Damen ansieht und alles beobachtet. In eine Tanznummer ist es auch integriert.
Kapelle Petra machen Musik zum Hinhören und Rocken, aber der Spaß
muß überwiegen. Dies ist eine gesunde Mischung und erwies sich auf
der Burg als ideal. Es ist klar, was passierte - Zugabe, Zugabe ...
Um zehn erklingen die Glocken der Turmuhr und dannach darf "Anya"
die letzte Runde am ersten Tag eröffnen. Der Innenhof ist jetzt gut
gefüllt. (Es hätten aber noch einige mehr ihren Hintern von der
Couch, die Füße vom Tisch und das Feierabendbier auf der Burg
trinken können. Wieder sind die "angemeiert", die dort waren und diese
Seite kennen.)
Jetzt ist die Plattenburg wirklich Tatort. Die Band
beginnt allein und schließlich betrittt Jan Josef Liefers locker die
Bühne. Hier ist er nicht der Tatort-Pathologe, sondern mehr Pop- oder gar
Rockmusiker. Aus den Boxen kommt tatsächlich Brit-Pop - Made in Germany.
Eine bessere Beschreibung gibt es nicht, obwohl zwischenzeitlich gut gerockt
wird. Somit wird die Musikauswahl nicht langweilig. Es werden
hauptsächlich Stücke aus der aktuellen CD "Oblivion" gespielt, und
Liefers will auch gleich seine Band so nennen, die übrigens gut
eingespielt ist. Technische Hilfsmittel tun ihr Übriges.
Liefers ist natürlich Entertainer und hat das Publikum, vor
allem das weibliche, sofort auf seiner Seite. "Don't let go" scheinen einige
Besucher zu kennen und die Balladen kommen immer gut, wie beispielsweise
"Jack's Baby" und eben "Oblivion". Es ist nicht verständlich, warum im
Radio so viel Schrott läuft, wenn es so gute Musik gibt und man sich auch
noch live davon überzeugen kann. Resultat: Zugabe, Zugabe ...
Samstag, 14.08., vor der Burg
Die 10. Rocknacht sollte zum ersten Mal
Festivalcharakter haben - Camping, Nachmittagsveranstaltungen, 2 Bühnen.
Woran es lag, daß sich am Samstagnachmittag der Platz vor der Burg nur
spärlich füllte,weiß niemand so genau. War das Wetter zu
schön, war es Konzertverdrossenheit, waren zu viele andere
Veranstaltungen? Keine Ahnung! Der Nachmittag wurde jedenfalls zu allererst zu
einer Familienfete unter Freunden der Rocknacht und Musikern. Das hat auch
nicht jeder!
Coverdeal eröffnete pünktlich. Sie waren zum
zweiten Mal auf der Burg, an diesem Nachmittag allerdings als Coverdeal-light,
das heißt unplugged. Es war schon interessant und hörenswert, wie
"It's my life" oder "Soldier of fortune" in einer abgespeckten Version klingen.
"Hollow years" und "Silent lucidity" sind immer noch die Knaller,wenn auch das
Publikum besonders bei der Fury-in-the-Slaughterhouse-Coverversion mitging.
Sänger Peter Märzke schien das In-Ear-Monitoring auch sehr gut zu
bekommen. Stimmlich klang sein Part absolut sauber.
Mit Frog Shot gab's dann richtig was auf die Ohren.
Die Musik läßt sich schwer einordnen, da hörte man schon mal
Nickelback und auch Grunge haben sich die Jungs aus dem Sauerland eingetan.
Sehr interessant war die Hinzunahme der Geige zur klassischen Rockbesetzung. Im
Innenhof lief bereits der Soundcheck von Asphyxia und einige Neugierige
ließen sich dort nieder.
Aber nach "Gut-Zureden" widmete man sich wieder dem
eigentlichen Programm vor der Burg, wo jetzt Serenity Grey auf der Bühne
standen. Die Jungs hatten was, vor allem für die, die Creed oder Live
mögen. Der Sänger erinnerte stimmlich manchmal an den guten alten Joe
Cocker. Textlich setzte man sich mit den Alltagsproblemen auseinander und fand
Gehör. Die Band hat Potential und dürfte noch für so manche
Überraschung gut sein. Nicht schlecht.
 Den Abschluß des Nachmittagsprogramms
lieferten die Lousy Lovers. Die Jungs um Jockel Seefeldt mögen vielleicht
"schlechte Liebhaber" sein, "lausige Musiker" sind sie aber garantiert nicht!
Für einige Besucher war nach der alternativen Rockmusik der typische
West-Coast-Sound wohltuend - wie immer sauberer Satzgesang, eine perfekte
Rhythmus-Sektion und die Hammond, die Gänsehaut garantiert.
Die Athmosphäre hatte schon etwas von der Westküste, wo
durchaus am Nachmittag Konzerte im familiären Rahmen stattfinden. Decken
wurden ausgebreitet, Sitzgelegenheiten im Schatten gesucht - eben Sommer pur.
Das Programm bestand aus Eigenkompositionen und natürlich dem
obligatorischen "Like a rolling stone". Guter Rat: Einfach zum nächsten
Lousy-Lovers-Konzert gehen!
Samstag, 14.08., Burginnenhof
Die gute "Anya" wurde an diesem Wochende echt strapaziert, gleich
danach die Begrüßung zum Abendprogramm und schon blubberte die
Hammond-Orgel. Fans wußten gleich, was kommt - "Perfect stranger". Einen
besseren Einstieg hätten Purple nicht finden können.
Die sympathischen Rocker um Sänger Ronny Moucka sollten ein
wahres Deep-Purple-Feuerwerk starten. Es fehlte kein Hit und "Child in time"
hat Ian Gillan seit Jahren nicht mehr gesungen. Verdammt erstaunlich - drehte
man den Rücken zur Bühne, glaubte man die Original-Besetzung von Deep
Purple (Mark II und III) zu hören.
Der Shouter hatte auch den Gillan-Habitus, was seine bunte Weste
noch verstärkte. War er vielleicht eine Mutation von Gillan? Purple lieben
ihre Deep Purple, denn ansonsten kann man nicht mit so viel sichtlichem
Spaß und Präzision die tollsten Knaller rüberbringen: "Strange
kind of woman" mit Ruf-und-Antwort-Spiel von Gitarre und Gesang, "Black night"
und natürlich der Titel ohne "richtigen" Anfang "Highway star". Aus der
Coverdale-Phase fehlte natürlich auch nichts, wie z.B. "Stormbringer" oder
"Mistreated".
Es gab nur ein Manko: Die 90 Minuten vergingen viel zu schnell.
Bei so einer tollen Performance geht natürlich keiner ohne Zugabe von der
Bühne und es kam, was kommen mußte. Etwas irritiert schauten die
Besucher drein, als es vom Überhit eine Funky-Version gab. Doch es folgten
die bekannten einleitenden Akkorde von ... "... and fire in the sky". Die Welt
war in Ordnung.
An dieser Stelle ein dickes Lob an die Techniker von Kupfer-Musik
(Danke Rolli 1, Rolli 2, Maik und Helmut). Die Umbaupausen klappten wie beim
Boxenstopp der Formel Eins und der Sound war super.
Was dann musikalisch folgte, war einfach schön.
Obwohl er täglich vor der Kamera steht, konnte er sein Lampenfieber nicht
verbergen, was immer wieder sympathisch macht - Miro Nemec und seine Asphyxia.
Musik ist zweifelsfrei sein Hobby No. 1, denn er spielte sich mit seiner
hervorragend eingespielten Band durch seine Lieblingshits, die aber nicht eins
zu eins kopiert wurden. "What's going on" von Rory Gallagher sollte das
Tat-Motiv für den Abend werden. "In-a-gadda-da-vida" von Iron Butterfly
war einer von vielen Klassikern.
Miro unterstützte Drummer Mirko Rois beim Solo
und "Oye-como-va" war im Gitarren-Solo eingebaut. Dann kam der erste Gast und
es wurde klar, warum ein Mikro so niedrig eingestellt war.
Klaus Kreuzeder (Sax) kam mit seinem Rollstuhl auf die Bühne.
Was sich dieser kleine Mann aus den Lungen blies, war einzigartig. "Strange
brew" mit Sax-Solo hatte wohl noch selten jemand gehört. Wenn schon
Saxophon, dann fehlten natürlich "The letter" und "Delta lady" nicht.
Und ein weiterer Gast wurde angekündigt. Es war kein Geringerer
als Miros Schauspielkollege August Zirner mit seiner Querflöte.
Spätestens bei "Locomotive breathe" war allen klar, er ist auch ein
hervorragender Musiker.
Er steht zwar nicht wie Ian Anderson auf einem Bein und
läßt die Gesichtszüge entgleisen, dafür ist Qualität
angesagt. Bisher hatten sich die beiden Damen in der Band im Background oder an
den Keyboards zurückgehalten, aber jetzt waren sie dran.
Tina Hinz bewies, dass "Move over" nicht nur von Janis gesungen,
tolle Wirkung hat und klingen kann.
Maryam El-Ghussein, die
einzige Profi-Musikerin der Band, zeigte Annie Lennox mit "Missionery man", wer
ebenso performen und singen kann. Die beiden Damen waren nicht nur optisch eine
Bereicherung für Asphyxia, sondern hatten einen erheblichen Anteil an der
Klasse der Show (Entschuldigung die Herren). Asphyxia und Herr Nemec
hätten noch Stunden spielen können, aber der Zeitplan war straff.
Nach "Gimme some lovin'" als Zugabe war klar, dass nichts gegen einen
Fernseh-Tatort einzuwenden ist, aber dies hier war Unterhaltung pur.
Es folgte ein raketenschneller Umbau, denn die Bühne war in
8 Minuten leer und nach 6 Minuten die neue Backline aufgestellt. Dank den
Helfern aus dem Sauerland. Es war die Backline für Torfrock. Eigentlich
muß man jetzt nichts weiter dazu sagen (oder schreiben). Torfrock sind
Kult. Entweder man mag sie oder nicht. Dazwischen gibt es nichts. An diesem
Abend mochten sie alle, selbst zu später Stunde ging niemand. Torfrock
konnten natürlich aus der Vielzahl ihrer frühen Hits ein
Best-Of-The-Best zusammenstellen. Danke! Bitte! Aber es klang nichts antiquiert
und es wurde auch tüchtig Dampf abgelassen.
Dass die Bagaluten-Band ihr Handwerk beherrscht, versteht sich von
selbst. Die beiden Jung-Spunte am Bass und Schlagzeug standen dem nichts nach.
Eine Track-Liste aufzuführen, wäre wie "Eulen auf die Plattenburg" zu
tragen. Natürlich waren "Hau mir ...", "Sonntagsjäger", "Beinhart",
"Karola" und und und vertreten - eben Fete.
Mit Torfrock klang die 10. Rocknacht aus und es war eine
gelungene Fete. |