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Tatort Plattenburg - wieder kriminell gut!

Datum: 13. August 2005
Bands: Kelvin, Jailbreak, Asphyxia
Zuschauer: 500 Unentwegte wurden belohnt
Wetter: Bitten an Petrus halfen - zumindest stellte er den Regen ein
Besonderheiten: Alle hatten sich besonders lieb

Es sollte die entspannteste Rocknacht von allen bisherigen werden. Das Zusammenwirken und der Umgang der Musiker, Techniker, Versorger und Organisatoren untereinander sind einzigartig. Das hat schon etwas Familiäres. Selbst eine 84-jährige, aus Köln mitgereiste Dame lässt es sich nicht nehmen, am Nachmittag den Sound-Check und dann bis Mitternacht die Stimmung zu genießen. Das hat was.

Der Sound ist wieder einmal hervorragend. Die langjährige Zusammenarbeit mit Kupfer-Musik hat eben etwas Gutes. Da wird jede Band nach ihrem eigenen Sound abgemischt. Für die Mixer gibt es keinen Haupt-Act oder eine Nur-Vorband. Alle Musiker sind gleich – So muß es sein. Und wie immer sollte sich das auch auszahlen.

Dunkle Wolken umkreisen die Plattenburg. Die werden aber gleich zu Beginn von Jailbreak weggeblasen. Jailbreak erweist sich nicht nur als "Anti-Rainmaker", sondern auch als Eisbrecher. Hat es die erste Band immer schwer, die wohl verdiente Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, so ist hier mit dem ersten Akkord klar, wo es lang geht. Ein AC/DC-Best-Of-The-Best wird zelebriert. Authentisch aber nicht plagiativ spielen sich die Mannen um Thorsten Kummer durch ihr Set, und sie lassen keine Wünsche offen. Natürlich fehlt "Highway to hell" genauso wenig wie "Whole lotta Rosie" oder "The Jack". Thorstens sympathische Ansagen zwischen den Titeln runden die Sache ab und sorgen für manchen Lacher im warmgewordenen Publikum. Angus Young hätte seine Freude gehabt. Das beste Lob gibt es zum Schluss dieser gelungenen Eröffnung der 11. Rocknacht von einem Besucher, der ankündigt: "Die hol’ ich zu meinem runden Geburtstag und wenn ich einen Kredit aufnehmen muß." Jailbreak ist also ganz bestimmt nicht das letzte Mal in der Region.

Die Umbaupausen haben dann doch was Kriminelles an sich. Von der Polizei hätte es zumindest ein Verwarngeld, wenn nicht gar Punkte in Flensburg gegeben. Und zwar für perfekte Logistik, denn nach knapp 15 Minuten können die nächsten Musiker die Bühne betreten. Dies ist unter anderem auch Jailbreak zu verdanken, die einen Teil ihres Equipments den ganzen Abend zur Verfügung stellen. Danke. Das ist wahre Kollegialität.

Pünktlich betritt Kelvin – Die Musikpolizei - die Bühne. Jetzt wird von den Veranstaltern musikalisches Neuland betreten. Wurde die 11. mit Krachern eröffnet, so sind nun eher ruhige Töne angesagt, die genaues Zuhören erfordern. Doch das Rocknacht-Publikum ist bekanntlich für alles offen. Und so sind etwaige Bedenken, dass sie zu ruhig werden könnten, nach dem ersten Titel beseitigt. Kelvin alias Henning Schmidtke, hat sich polizeiliche Verstärkung mitgebracht. So lässt Jost Schlüter die Gitarre hin und wieder schon mal krachen oder kreischen. Musikpolizist Kelvin beweist, dass hinter jedem Pop-Song ein Verbrechen steht. Was hier und jetzt stattfindet ist musikalische Comedy auf höchstem Niveau! Vor Kelvin kann sich niemand sicher fühlen. So wird U 2’s "Still haven’t found what I’m looking for" in Versionen von Nick Cave, Bob Dylan, Xavier Naidoo und gar von Konstantin Wecker und Reinhard Mey vorgetragen. Das Publikum hört gespannt zu, wartet nie lange auf die nächste Pointe und honoriert den Vortrag mit stürmischem Beifall.

Alle lernen, dass "Highway to hell" ein Country-Song ist sowie dass "Smoke on the water" von einer Jazz-Lady komponiert wurde und erbarmungslos von Deep Purple geklaut wurde. Natürlich kommt Gitarrist Jost Schlüter nicht umhin, den wohl bekanntesten Gitarren-Riff der Musikgeschichte in der Originalversion zu spielen. Er erweist sich bei diesem Song als wahrer Verwandlungskünstler. Umgehend schlüpft er in die Gestalt des armkreisenden Pete Townshend oder gar in die des Flitzefingers Steve Vai.

Was die beiden dann schließlich aus "Grönemeyers letztem Lied" machen, ist einfach genial und muss man einfach gehört haben. Auf Näheres wollen wir an dieser Stelle lieber nicht detailliert eingehen, denn dieser Text ist nicht immer jugendfrei. Kelvin und Co beweisen einmal mehr, dass sich Musikalität und anspruchsvolle, nicht immer ganz ernst zu nehmende Texte nicht ausschließen. Die Musikpolizei ist jedenfalls eine angenehme Neuerung auf der Burg. Von rasendem Applaus begleitet verlassen der coolste Bulle und sein Partner nach fast 90 Minuten den Tatort.

Apropos Tatort. Der Spaß ist noch lange nicht vorbei. Jetzt geht es erst richtig los!

Nach einem sprintrekordverdächtigen Um- und Aufbau erklingt kurz nach 22 Uhr zum insgesamt 43. Mal Deep Purples "Anya" als Trailer (Ach wat, so viele Bands waren schon auf der Burg?). Jetzt wird es voll auf der Bühne. Und von Maryam und Tina eingehakt, betritt Wiederholungstätertvkommissar Miro Nemec seinen Tatort für den heutigen Abend. Den ersten Sympathiebonus erntet er gleich mit seinen Eröffnungsworten, als er sich von den unüberlegten Äußerungen eines bajuwarischen Landsmanns distanziert. Er verstehe den Unmut der Leute hier - schließlich käme er ja auch aus dem Osten, versicherte der augenzwinkernd dem Publikum.

Und so eröffnen Asphyxia ihren Auftritt mit einem Traditional aus Nemec' jugoslawischer Heimat.

Dann folgt Hit auf Hit – 24 Knaller insgesamt, und so ziemlich jede Geschmacksrichtung wird bedient. Es ist kaum zu beschreiben, welchen Spaß Asphyxia, wieder verstärkt durch Saxophonist Klaus Kreuzeder und natürlich mit Maryam El-Ghuessein und Tina Hinz sowie diesmal ergänzt durch drei Blech-Bläser, haben. Dieses Feeling überträgt sich sofort auf das Publikum, das vom ersten Titel an mitklatscht und tanzt. Spätestens bei "Delta Lady" und "The Letter" zeigt sich, welchen zusätzlichen Druck die drei Neuen von der Bläser-Fraktion machen. Die Band tobt sich förmlich aus - zur reinen Freude ihrer selbst und der des Publikums.

Im letzten Jahr durften die beiden stimmgewaltigen Damen aus Zeitgründen nur je einen Song vortragen. Das sollte sich ändern – und wie. Tina, die auch Keyboard spielt, beginnt mit "Move over" von Janis Joplin. Was für ein Kracher! Es scheint, als hätte es den Song nie anders gegeben. Was soll da noch kommen?! Arme Maryam möchte man denken, als sie das Solo-Mikro in die Hand nimmt. Aber was jetzt aus den Boxen tönt, stellt selbst bei den Emotionslosesten die Nackenhaare auf. Sie singt die Ballade "I save the world tonight" - so als hätte sie es an diesem Abend wirklich vor. Und das tat sie irgendwie auch. Sicher, Miro Nemec ist der Star (ohne Starallüren, aber über seine Souveränität wurde an anderer Stelle genug berichtet, schließlich wollen wir ja nicht, dass er sich darauf noch was einbildet ) aber man muss diese beiden Ladies einfach lieben. Mit fetzigen Bläsern folgt nun Tinas Tina Turners "River deep – mountain high". Was soll man sagen – besser nichts und einfach wirken lassen. Schön von einer Slide-Guitar begleitet, setzt Maryam noch einen drauf und singt vom "Missionary Man", dass man den eigenen Ohren nicht traut. Es rockt und rollt, dass die gute Annie Lennox wohl noch blasser geworden wäre.

Jetzt gibt es kein Halten mehr.

"What’s going on", "Rondo" oder auch "Junimond" hat man vom letzten Jahr in bester Erinnerung, auch "In-a-gadda-da-vida" inklusive des Schlagzeug-Duetts von Drummer Mirko Rois und Bandleader Miro. Vater Gerhard Hinz zupfte durchgängig einen hervorragenden Bass und Gitarrist Gerwin Eder beherrscht seine 6 Saiten gekonnt, was Ten Years Afters "I’m coming on" zum Hörgenuß macht.

Mit Erstaunen und Bewunderung muß man immer wieder feststellen, was der kleine, im Rollstuhl sitzende Klaus Kreuzeder aus seinem Saxophon herausholt. Er ist eigentlich der ganz Große. Mit seinen Sax-Einlagen verziert er fast jeden Titel und hält immer wieder die Bläser-Fraktion zusammen. Es ist nicht zumerken, dass die erst wenige Male zusammen gespielt hatten. Zudem zeigt der Trompeter, dass "Locomotive breath" auch ohne Querflöte bestens funktioniert.

ALLE auf der Burg haben ihren Spaß. Diesmal läuft unter drei Zugaben nichts. Bei "Knockin’ on heaven’s door" singen ALLE noch einmal kräftig mit, und kurz nach Mitternacht geht ein gelungenes rockiges Familienfest zu Ende.