Es gibt immer mehr Festivals und man kann sich kaum entscheiden, zu welchem man
gehen soll. Es schon passiert, dass sich selbst Bands wie Asia oder Saga mit 250 oder weniger
Gästen begnügen mussten. Es spricht wohl für uns, dass rund 850 Besucher (aus drei
Generationen !!!) den Weg zur Plattenburg finden und begeistert feiern werden. Es sind viele
bekannte Gesichter zu sehen, die dann auch schon mal von den Veranstaltern mit Handschlag und
Umarmung begrüßt werden. Aber es werden auch exotische Nummernschilder auf dem Parkplatz
vor der Burg gesichtet.
Dies mag daran liegen, dass die Rocknacht bekanntlich immer für
Überraschungen gut ist. Es wird vor keinem Musikstil halt gemacht, wenn er qualitativ etwas zu
bieten hat.
So geschieht es auch in diesem Jahr.
Da sich der Burginnenhof um 19.00 Uhr nur spärlich füllt, entschießen
sich die Veranstalter, den Beginn ein wenig nach hinten zu schieben, was letztendlich nur fair der
ersten Band gegenüber ist. Es ist nicht besonders motivierend für die Musiker, vor leerem
Platz zu spielen. Woodstock begann seiner Zeit mit 8 Stunden Verspätung, so waren 25 min
annehmbar, und es stört niemanden. Die nun doch eintrudelnden Fans hätten mit Sicherheit
etwas verpasst.
Denn Taste Green legen gleich
los, als sollte es kein Morgen mehr geben. Sie spielen echte Perlen aus drei Jahrzehnten
Rockgeschichte, die man nicht alltäglich hören kann. "There's Gonna Be Some Rocking"
(AC/DC) gibt gleich die Marschrichtung an. Simple Minds "Don't me" kommt ebenso zu Ehren wie
"Addicted To Love". Aus neuerer Zeit gibt es "Boulevard Of Broken Dreams" von Green Day.
Das stimmgewaltige Energiebündel Nicola zieht alle Register, um gleich
für Stimmung zu sorgen. Für einige Gesangsparts übernimmt Gitarrist Klaus das
Sangesmikrofon, so dass ebenfalls für stimmliche Abwechslung gesorgt ist. Aber: Nach gut 45
Minuten verlassen Taste Green ohne Zugabe die Bühne! Warum nur? Ein Zeitplan ist nur dann
etwas wert, wenn er auch eingehalten wird und außerdem sollten sie die Party eröffnen
und sollen sie auch beenden - gegen Mitternacht werden Taste Green noch einmal die Bühne
betreten.
Die Rocknacht ist bekannt für gut organisierte und kurze Umbaupausen, was diesmal
wieder hervorragend klappt. Schon an dieser Stelle geht ein Dank an die Techniker Hefe und Toni und
den Helfern aus dem Sauerland.
Was dann "On Stage" folgt, kann man eigentlich nicht beschreiben. Wo hatte man
Tony Carey bloß ausgegraben. Insidern war
sicher bekannt, dass er viele Künstler produziert und Filmmusiken schreibt, aber von
Live-Aktivitäten war nichts zu hören.
Eine tolle Überraschung. Grinsend wie ein Schuljunge setzt er sich hinter das
E-Piano und legt los. Saxophon, Bass und Schlagzeug geben den Songs einen souveränen
andersartigen Touch, wie man ihn eigentlich selten hört und auch von CAREY bislang nicht
kennt. Das ist Rock, Jazz, Blues, Chanson und dann einfach nur Lied. Dennoch haben alle Songs
Wiedererkennungswert. CAREY kann natürlich aus einem nicht endenden Song-Fundus schöpfen,
und es ist eben ein The Best Of The Best. "A Fine Fine Day", "No Man's Land", "Blue Highway" und
natürlich der Überflieger "A Room With A View".
Es ist schon erstaunlich. Bei der Ankündigung fragten viele: "Tony Carey, wer ist
das
?" und letztendlich singen alle trotzdem mit.
Zusammenfassend trifft es die Presse genau: "Carey lieferte einen sympathischen, fast
bescheidenen Auftritt ab. Große Posen, wie man sie gerade von jüngeren Rockbands kennt,
hat der 52-jährige nicht nötig. Er konzentriert sich auf seine Musik - und die ist
überragend." (MAZ)
Die Indian Tea Company wird
angekündigt. Wie ein Klangsturm kommt es über die Plattenburg, ein durchaus
gewöhnungsbedürftiges Sound-Gewitter mit vielen Effekten und einer gewaltigen Portion
Hall. Wer ein offenes Ohr für ungewöhnliche Klänge hat, ist einfach beeindruckt.
So
teilt sich das Publikum in mehrere Lager. Von "klasse", "genial" bis zu "nicht mein Ding", ist
alles zu hören. So soll es auch sein - kein alltägliches Einheitsgedudel und
verblödendes Trällern. Hier werden indische Einflüsse mit keyboard-lastigem Sound
gemischt und hinter dem Schlagzeug sitzt eine lebende Rhythmusmaschine. Die Sarod, ein indisches
Saiteninstrument mit Sitar-Ähnlichkeit, kennt wohl keiner
der
Besucher. Guido Goh, der dieses Instrument in Indien erlernte, spielt es wie eine Gitarre und
trifft gesanglich ohne Probleme das zweigestrichene C.
Hier gibt es Musik, die in keine Schublade passt. (Vielleicht Ethno-Pop, Folk, Rock,
Pop - auf jeden Fall schöne rhythmische moderne andersartige Musik, die mehr Aufmerksamkeit
verdient hat.) Wenn dann Goh noch von den Plattenburg-Besuchern meint:" Die waren offener als
manches Großstadtpublikum", so war dieser Auftritt richtig rund.
Dritte Umbaupause und eine nicht funktionierende Gitarre. Die Reihen haben sich gegen
Mitternacht gelichtet, aber der harte Kern ist bester Laune und eigentlich hat sich die Frage nach
einem weiteren Auftritt von Taste Green
erübrigt. Rund 150 der Verbliebenen schreien einstimmig "JA !!!" und die Party geht wirklich
los. Noch nicht ganz, denn die Gitarre von Willy versagt ihm den Dienst. Seine Bandkollegen und die
Besucher starren nur auf ihn, das nervt. Aber alles wird gut. Musikalisch wieder souverän will
Taste Green den anderen Bands in nichts nachstehen und brennt ein Feuerwerk ab, dass es eine Freude
ist. Sie haben noch einiges in der Musikertüte. So sind Stücke von John Miles, Terry
Hoax, Melissa Etheridge und selbstverständlich "Hold The Line" von Toto dabei. Das
Sahnehäubchen ist Nicolas a-cappella mit Janis Joplins "Mercedes Benz". Wer da keine
Gänsehaut bekommt, der muss schon tot sein.
So geht gegen halb zwei die 12. Rocknacht zu Ende. Für viele wieder ein Erlebnis
der Extraklasse und der Wunsch nach Nr. 13 wird laut. |