Kann es für die Veranstalter
und Helfer in schöneres Lob geben ...? "Für die Fans gehört die
Rocknacht auf der Plattenburg zum Jahresablauf wie das Weihnachtsfest."
Komplimente gehen unbedingt auch an die Musiker. Von musikalisch höchster
Qualität, können die Musikstile unterschiedlicher nicht sein und
ergeben wohl darum ein perfektes Ganzes.
The Masterminds sind sich ihrer schweren Aufgabe als
Opener bewußt und entfachen das "Soulfeuer" schlechthin. Die Klassiker
werden die so "master-mäßig" vorgetragen, daß selbst den
Motown-Leuten die Ohren zu Rhabarberblättern mutieren würden. Soul
ist Herzenssache, dies verinnerlichen die Masterminds um die drei
Lead-Sänger (Varinia, Tom, Jesko) bei ihrer Interpretation von "In the
midnight hour", "I feel good", "Sir Duke" oder "Superstitions".
 Beim Urschrei von Tom Kava im
Mittelteil von "With a little help from my friends" unterbricht Dirk
Zöllner spontan seine angeregte Unterhaltung hinter der Bühne und ihm
entfährt ein erstauntes "Was war denn das?"
In diesem Jahr fällt besonders auf, wie nett alle Musiker
miteinander umgehen. Kein Musiker betritt oder verläßt die
Bühne, ohne backstage herzlichen Applaus von seinen Kollegen zu empfangen.
Eine große Familie, die sich in der warmen Atmosphäre, die die
Veranstalter jedes Jahr schaffen, wohlfühlt.
Diese Wärme lassen dann
Dirk Zöllner & Trio
Bravo auch das Publikum spüren. Sichtlich von der Stimmung und
Besucherzahl angetan, begrüßt Zöllner das Auditorium mit
Handküßchen und einem symbolischen "Zum Wohl" mit einem Rotweinglas.
Nichts kann jetzt noch schiefgehen. Obwohl (oder weil) nicht alle seine Lieder
nur fröhlich sind, treffen sie mitten ins Herz. Eigentlich eher auf
kleineren Bühnen zu Hause laufen Dirk Zöllner und die fantastische
Band Trio Bravo (weitere Lobeshymnen würden Seiten füllen) zur
Höchstform auf und spielen ein grandioses aber nicht steriles Set.
Beeindruckend sind immer wieder Titel wie "Aus Liebe", der den Abend
eröffnete, "Immer einer", "Was du verlangst", "Annabell" und
natürlichder "Käfer auf dem Blatt". Als Dankeschön und
Anerkennung für die Masterminds spielt er eine soulige Fassung von "Try a
little tenderness".
Nicht eine, nicht zwei, ja drei Zugaben
werden von dem sensibilisierten Publikum verlangt. Spontan und ehrlich stimmt
Dirk Zöllner "Free me" von Uriah Heep ein und kündigt damit seinen
Jugendhelden John Lawton an. Mit "Sitting on dock of the bay" schafft er einen
nahtlosen Übergang zum nächsten Act. Zöllner
hinterläßt einen bleibenden Eindruck auf der Burg. Classic-Rock war
bisher einmalig in den Gemäuern.
Daß die Umbaupausen wirklich nur 10 bis 12 Minuten dauern,
ist in der Tat ungewöhnlich, denn jeder Musiker spielt auf seiner eigenen
"Backline", die unmittelbar vor dem Gig aufgebaut werden muß. Bei dieser
Rocknacht sind aber alle Musiker von der Professionalität der anderen
überzeugt, daß sie verschiedene "Backlines" (z.B. Drums, Baß-
und Gitarrenverstärker ...) gemeinsam nutzen. Somit wird viel Zeit
gespart. Diesen Schuh ziehen sich auch die Veranstalter sehr gern an. Sie
hatten, die Erfahrungen der Vorjahre im Kopf, im Vorfeld so manches
geregelt.

Nach einem instrumentalen Opener der Band, die für dieses
einzige Konzert aus London anreiste, kommt Shouter
John Lawton auf die
Bühne. Nach drei Takten ist klar, einen besseren Einstieg kann es nicht
geben - erste Arme fliegen in die Luft und lauthals singen viele "Easy livin'".
Lawton ist wirklich wie guter Whisky, je älter desto besser - stimmlich
war er wohl nie souveräner. Es ist auch klar, daß John Lawton als
Ex-Uriah
Heep-Sänger eine "The best of ..." auf der Burg
intonieren wird. Es gibt "The wizard", "Free'n' easy" und "The dancer"
(übrigens nie von Uriah Heep live gespielt), "Lady in black" mit "Give
peace a chance" unplugged eingebaut. Aber auch Stücke seiner aktuellen
Solo-CD "Still payin' my dues" brauchen sich nicht hinter den Klassikern zu
verstecken und werden euphorisch gefeiert.
Die alte Hammond B3 von Roger Wilson ist altertümlich und
"sau-schwer", aber ein Intro entschädigt für alles: "Gypsy". Eine
druckvollere Fassung hatten wohl selbst Kenner im Publikum nie gehört. Die
Burg kocht. Lawton hingegen ist nicht nur ein famoser Sänger, sondern auch
Entertainer, der für Stimmung sorgt. In fast akzentfreiem Deutsch (mit
Hamburger Einschlag) unterhält er mit witzigen Animationen die Fans. Auch
kann er seine Haß-Liebe zu Ex-Uriah Heep-Chef Ken Hensley nicht
verbergen.
Lawton, ganz Profi, spart sich
natürlich für die Zugabe ein Leckerli für die Fans auf. Des
öfteren verlangen sie lautstark nach "Free me". Von ihm kommt lediglich
ein augenzwinkerndes "Nooch nich'". Und dann kam es. Und wie. 12 Minuten lang,
im Mittelteil von "Jingo" (Santana) eingebaut. Jedes Bandmitglied wartet mit
einer Solo-Performance auf. In jeder Rezension werden fast nur die Frontleute
erwähnt, aber schließlich ist jede Band nur so gut wie jeder
einzelne Musiker. Und hier gibt es nur eine Wertung: Ge-ni-al!
Mit "Free me" geht die 7. Rocknacht auf der Plattenburg zu Ende.
Die Abergläubigen wurden widerlegt: Es war kein verflixtes 7. Jahr -
dafür aber ein verflixt gutes Jahr! |