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Die Reunion-Party

Datum:
Bands:
Zuschauer:
Wetter:
Besonderheiten:
16. August 2003
Booze, Beer & Rhythm, Koslowski, Sylvan, Lake
900
hochsommerlich
-

Die 9. Auflage der "Rocknacht auf der Plattenburg für die Plattenburg" stand unter dem Motto die "Reunion-Party", denn zwei unserer Acts waren in den 70ern bis 90ern sehr erfolgreich, trennten sich aber dann aus verschiedenen Gründen. Doch endlich machen die Blues-Rock-and-Roll-Prolls aus dem Ruhrgebiet "breiter, härter und schärfer" weiter - Koslowski. Und mit "Lake" lebt etwas Einmaliges wieder - "Glad to be here". Auf "Sylvan" als jüngste Band im Programm war man hoffnungsvoll gespannt. Hingegen sind "Booze, Beer and Rhythm" die alten Hasen.

Die Mischung sollte also stimmen.


Booze, Beer & Rhythm eröffneten den Abend mit einem musikalischen Querschnitt aus drei Jahrzehnten und coverte hemmungslos von AC/DC bis ZZ Top. Selbst die Glocke bei „Hell's bells“ und die langen Bärte bei „Gimme all your loving“ fehlten nicht. Der Sound war glasklar (Lob an Toni und Helmuth, die den ganzen Abend einen hervorragenden Sound mischten, obwohl so ein Burghof seine Tücken hat.), so dass man das Können der Vier und ihre Eingespieltheit förmlich spürte. Mit dem „Holzfällersong“ und dem Solo auf der Kettensäge hätten Booze, Beer & Rhythm kaum eine bessere Überleitung für die nächste Band finden können.

Schon mit dem Intro „Ab dafür“ steckten Koslowski ab, wohin die Blues-Rock-And-Roll-Reise gehen sollte. Sänger Achim Lenger inszenierte sich als „Outlaw“, dann als „Spinne“, aus deren Netz niemand entwischt und vor allem als prolliger Ruhr-Gebiets-Macker. Astrid Kogelheide steckte „Mein Revier“ ab, und beide bescheinigten Hassgefühle in ihrem „Liebeslied“. Die Band hatte gut daran getan, bei der kürzlichen Neuformierung mit Sabine Mehlberg eine zweite Dame zu verpflichten, denn der Background-Gesang gibt den Titeln von nun an mehr Power, Abwechslung und Rafinnesse. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der beiden Rhythmiker, Drummer Atze Schütten und Bassist Didi Köster. Sie sorgten für den entsprechenden Groove. Perfektionist Klaus Kahnert ist weit mehr als nur der neue Gitarrist. Seine Gitarrenlinks waren ein echter Ohrenschmaus. Die Burg-Atmosphäre schien eine zusätzliche Inspirationsquelle zu sein. Das Programm von KOSLOWSKI bestand zur Hälfte aus neuen Stücken mit gewohnt frechen Texten und subtilen Titeln wie „Dame mit der Peitsche“, „Ich steh heut nicht auf ` oder „Fastfood“ sowie sehr gutem Blues und schnellem Rock. Den Musikerwechsel haben Koslowski anscheinend kreativ überwunden, denn die neuen Stücke sind den Klassikern wie „Dicker Junge“, „Mama Mama“, „Ich hab` sie alle gehabt“ und „Spießer“ qualitativ ebenbürtig. Für eine Zugabe ließ man sich nicht lange bitten. „Blockwart“ zeigte nochmals die Klasse der Band, denn mit so viel Druck hatte man den Song noch nicht gehört. Fazit: Blues-Rock-And-Roll geht wunderbar auf deutsch, wenn die „grauen Männchen“ fit sind und mit Koslowski ist reines Hörvergnügen, Spaß und Schmunzeln angesagt.

Weiter ging’s mit Sylvan, einer aufstrebenden jungen Band, die das Erbe von Pink Floyd und Genesis pflegt. Dass die fünf Hamburger auf die Plattenburg kamen, war eigentlich dem Musikjournal „Eclipsed“ zu verdanken. Die Veranstalter Ende wurden vergangenen Jahres nach zwei Berichten über die junge Progrock-Band aus Hamburg aufmerksam. Die Hörproben waren jedenfalls hervorragend. Blieb nur die Frage offen, wie dieser erstmals auf der Burg zu hörende Musikstil mit seinen anspruchsvollen und nicht immer leicht zu konsumierenden Titeln beim Publikum ankommen würde. Aber die fünf Musiker von Sylvan können auf einen rundum gelungenen Abend zurückblicken. Zwar schienen einige Besucher zunächst vom Bombast des Sounds zu erstarren und lauschten offenen Mundes den ersten Titeln. Doch fühlte man gleich die den ungewohnten Interpretationen innewohnende Harmonie. Sylvan pflegen eindeutig das Erbe der frühen Genesis und Pink Floyd, wobei Kay Söhl (Gitarre) dem Schaffen eines David Gilmour glatt eine Frischzellenkur verpasste. Aber der Reihe nach. Nach einem Intro hatte man mit „Deep inside“ einen fulminanten Opener, der die leichte Anspannung verschwinden ließ. Schließlich hatten die ersten Bands gut angeheizt und leichtere Kost geboten. „Das wird ein Späßchen!“ warf Sänger Marco Glühmann bei seiner Begrüßung ein und sollte recht behalten. „Human apologies“ folgte und erinnerte ein wenig an die Gothic-Rocker von Entwine. Die Stammbesucher lächelten ein wenig erleichtert, denn SIE hatten etwas Ähnliches schon auf der 8. Rocknacht gehört. Mit „I still believe“ wurde es rockig, während „Not for me“ fast eine Welt-Premiere darstellte - der Titel wurde erst einmal in Litauen vorgetragen. „That's why it hurts“ von der letzten Scheibe zeigte, wie die Band gereift ist. Die Musiker legten sich ausnahmslos ihre Hochform an den Tag. „Essence of life“ und „No way out“ hielten den Standard, bis schließlich mit dem Titelsong der letzten CD „Artificial paradise“ ein 18-minütiger Long-Track geboten wurde. Das Zusammenspiel der Band war hervorragend, so wirkten die Gitarrenarbeit von Kay und die Keyboards seines Bruders Volker filigran und passend. Drummer Matthias Harder konnte mit seinen Takt- und Tempiwechseln ganze Völkerstämme durcheinander bringen, was aber letztendlich für den Zusammenhalt des Sounds sehr wichtig war. Bassist Sebastian Harnack lebt die Musik ganz einfach. Sänger Marco konnte stimmlich auch live überzeugen. Dieses Konzert hatte was: das Ambiente der Burg, das Lichtspiel und die für diese Musik übliche keyboard-getränkte Mystik und Melancholie mit filigranem Gitarrengezirpe - Sylvan transferieren den Sound der Siebziger innovativ ins neue Jahrtausend.

Bei der Bekanntgabe: "Es gibt Lake wieder!", war man geneigt zu glauben, wieder einer dieser unsäglichen Reunionen. Gegen Mitternacht zeigten dann die Honoratioren der Deutsch-Rock-Legende, dass ein wahrer Musikfan viele derartige Reunionen braucht.

Fest steht,wer den perfekten Satzgesang von Lake hörte, bekam unweigerlich die berühmte Gänsehaut. Ja - Lake hat auch nach 25 Jahren etwas zu sagen und nichts von seinem Reiz verloren. Nach wie vor zelebrieren sie nämlich detailfreudigen Rock mit brillanten Vocals und Satzgesang. Auch wenn Alex Conti als einziges Urmitglied auf der Bühne stand, hatte er absolut Gleichgesinnte und vor allem Könner an seiner Seite. Die Deutsch-Rock-Szene scheint eine große Familie zu sein, denn jeder hatte schon mit jedem gespielt. Das schwerste Erbe, mochte man glauben, hatte wohl Mike Starrs (Lucifer's Friend, Colosseum II) anzutreten, denn er muß Vergleiche mit dem leider viel zu früh verstorbenen James Hopkins-Harrison hinnehmen. Aber nein - perfekter und bravouröser kann man den Job nicht meistern. Selbst ein heruntergefallenes und akrobatisch aufgefangenes Mikro bei „Night an a town“ brachte nur einige gesungene Lacher in die Strophe und sorgte für Sympathie. Lake präsentierte an diesem Abend hauptsächlich Songs der ersten drei Alben, und es war erstaunlich, wie viele Besucher noch „On the run“, „Jesus came down“ oder „Scobbie doobies“ kannten. George Kochbeck bearbeitete agil und gewohnt gekonnt die Keyboards und übernahm bei den beiden Don-Henley-Songs „Drivin` with your eyes closed“ und „Dirty laundry“ den Gesang. Bexi Becker hatte sichtlich Freude an seinem Bass und trug wesentlich zum gelungenen Satzgesang bei. An den Drums saß Mickie Stickdorn, der seinen Spaß nicht verbergen konnte und wollte. Es bestätigt sich immer wieder, gute Musik ist zeitlos und läßt den bekannten Funken überspringen, denn niemand konnte stillstehen. „Hopeless love“ ist immer noch eine Hymne, „See them glow“, „Angel in disguise“, „Between the lines“ sind Evergreens, an denen auch die Kids unter den Besuchern Gefallen fanden. Nach drei Zugaben und 100 Minuten Spielzeit durfte Lake die Bühne verlassen. Für alle gab es an diesem Abend nur ein Motto: „Glad to be here“.

Fazit: Es hat sich auch zur 9. Rocknacht wieder bestätigt, dass derartige Veranstaltungen, von ein paar Besessenen ehrenamtlich organisiert, mehr Spaß machen und einfach familiärer sind und trotzdem mit der erforderlichen Professionalität aufwarten.