Die 9. Auflage der "Rocknacht auf der Plattenburg für die
Plattenburg" stand unter dem Motto die "Reunion-Party", denn zwei unserer Acts
waren in den 70ern bis 90ern sehr erfolgreich, trennten sich aber dann aus
verschiedenen Gründen. Doch endlich machen die Blues-Rock-and-Roll-Prolls
aus dem Ruhrgebiet "breiter, härter und schärfer" weiter - Koslowski.
Und mit "Lake" lebt etwas Einmaliges wieder - "Glad to be here". Auf "Sylvan"
als jüngste Band im Programm war man hoffnungsvoll gespannt. Hingegen sind
"Booze, Beer and Rhythm" die alten Hasen.
Die Mischung sollte also
stimmen.
Booze, Beer & Rhythm
eröffneten den Abend mit einem musikalischen Querschnitt aus drei
Jahrzehnten und coverte hemmungslos von AC/DC bis ZZ Top. Selbst die Glocke bei
Hell's bells und die langen Bärte bei Gimme all your
loving fehlten nicht. Der Sound war glasklar (Lob an Toni und Helmuth,
die den ganzen Abend einen hervorragenden Sound mischten, obwohl so ein Burghof
seine Tücken hat.), so dass man das Können der Vier und ihre
Eingespieltheit förmlich spürte. Mit dem
Holzfällersong und dem Solo auf der Kettensäge
hätten Booze, Beer & Rhythm kaum eine bessere Überleitung
für die nächste Band finden können.
Schon mit dem Intro
Ab dafür steckten
Koslowski ab, wohin die
Blues-Rock-And-Roll-Reise gehen sollte. Sänger Achim Lenger inszenierte
sich als Outlaw,
dann als Spinne, aus deren Netz niemand entwischt und
vor allem als prolliger Ruhr-Gebiets-Macker. Astrid Kogelheide steckte
Mein Revier ab, und beide bescheinigten Hassgefühle in ihrem
Liebeslied. Die Band hatte gut daran getan, bei der kürzlichen
Neuformierung mit Sabine Mehlberg eine zweite Dame zu verpflichten, denn der
Background-Gesang gibt den Titeln von nun an mehr Power, Abwechslung und
Rafinnesse. Nicht zu unterschätzen ist die Rolle der beiden Rhythmiker,
Drummer Atze Schütten und Bassist Didi Köster. Sie sorgten für
den entsprechenden
 Groove. Perfektionist Klaus Kahnert ist weit mehr als
nur der neue Gitarrist. Seine Gitarrenlinks waren ein echter Ohrenschmaus. Die
Burg-Atmosphäre schien eine zusätzliche Inspirationsquelle zu sein.
Das Programm von KOSLOWSKI bestand zur Hälfte aus neuen Stücken mit
gewohnt frechen Texten und subtilen Titeln wie Dame mit der
Peitsche, Ich steh heut nicht auf ` oder Fastfood sowie sehr gutem Blues und schnellem Rock. Den Musikerwechsel
haben Koslowski anscheinend kreativ überwunden, denn die neuen Stücke
sind den Klassikern wie Dicker Junge, Mama Mama,
Ich hab` sie alle gehabt und Spießer qualitativ
ebenbürtig. Für eine Zugabe ließ man sich nicht lange bitten.
Blockwart zeigte nochmals die Klasse der Band, denn mit so viel
Druck hatte man den Song noch nicht gehört. Fazit: Blues-Rock-And-Roll
geht wunderbar auf deutsch, wenn die grauen Männchen fit sind
und mit Koslowski ist reines Hörvergnügen, Spaß und Schmunzeln
angesagt.
Weiter gings mit
Sylvan, einer aufstrebenden jungen
Band, die das Erbe von Pink Floyd und Genesis pflegt. Dass die fünf
Hamburger auf die Plattenburg kamen, war eigentlich dem Musikjournal
Eclipsed zu verdanken. Die Veranstalter Ende wurden vergangenen
Jahres nach zwei Berichten über die junge Progrock-Band aus Hamburg
aufmerksam. Die Hörproben waren jedenfalls hervorragend.
Blieb nur die Frage offen, wie dieser erstmals auf der Burg zu
hörende Musikstil mit seinen anspruchsvollen und nicht immer leicht zu
konsumierenden Titeln beim Publikum ankommen würde. Aber die fünf
Musiker von Sylvan können auf einen rundum gelungenen Abend
zurückblicken. Zwar schienen einige Besucher zunächst vom Bombast des
Sounds zu erstarren und lauschten offenen Mundes den ersten Titeln. Doch
fühlte man gleich die den ungewohnten Interpretationen innewohnende
Harmonie. Sylvan pflegen eindeutig das Erbe der frühen Genesis und Pink
Floyd, wobei Kay Söhl (Gitarre) dem Schaffen eines David Gilmour glatt
eine Frischzellenkur verpasste. Aber der Reihe nach. Nach einem Intro hatte man
mit Deep inside einen fulminanten Opener, der die leichte
Anspannung verschwinden ließ. Schließlich hatten die ersten Bands
gut angeheizt und leichtere Kost geboten. Das wird ein
Späßchen! warf Sänger Marco Glühmann bei seiner
Begrüßung ein und sollte recht behalten. Human apologies
folgte und erinnerte ein wenig an die Gothic-Rocker von
Entwine. Die Stammbesucher lächelten ein wenig erleichtert, denn SIE hatten etwas
Ähnliches schon auf der
8. Rocknacht gehört. Mit I
still believe wurde es rockig, während Not for me fast
eine Welt-Premiere darstellte - der Titel wurde erst einmal in Litauen
vorgetragen. That's why it hurts von der letzten Scheibe zeigte,
wie die Band gereift ist. Die Musiker legten sich ausnahmslos ihre Hochform an
den Tag. Essence of life und No way out hielten den
Standard, bis schließlich mit dem Titelsong der letzten CD
Artificial paradise ein 18-minütiger Long-Track geboten wurde.
Das Zusammenspiel der Band war hervorragend, so wirkten die Gitarrenarbeit von
Kay und die Keyboards seines Bruders Volker filigran und passend.
Drummer Matthias Harder konnte mit seinen Takt- und Tempiwechseln
ganze Völkerstämme durcheinander bringen, was aber letztendlich
für den Zusammenhalt des Sounds sehr wichtig war. Bassist Sebastian
Harnack lebt die Musik ganz einfach. Sänger Marco konnte stimmlich auch
live überzeugen. Dieses Konzert hatte was: das Ambiente der Burg, das
Lichtspiel und die für diese Musik übliche keyboard-getränkte
Mystik und Melancholie mit filigranem Gitarrengezirpe - Sylvan transferieren
den Sound der Siebziger innovativ ins neue Jahrtausend.
Bei der
Bekanntgabe: "Es gibt
Lake wieder!", war man geneigt zu
glauben, wieder einer dieser unsäglichen Reunionen. Gegen Mitternacht
zeigten dann die Honoratioren der Deutsch-Rock-Legende, dass ein wahrer
Musikfan viele derartige Reunionen braucht.
 Fest steht,wer den
perfekten Satzgesang von Lake hörte, bekam unweigerlich die berühmte
Gänsehaut. Ja - Lake hat auch nach 25 Jahren etwas zu sagen und nichts von
seinem Reiz verloren. Nach wie vor zelebrieren sie nämlich detailfreudigen
Rock mit brillanten Vocals und Satzgesang. Auch wenn
Alex Conti als einziges Urmitglied auf der Bühne stand, hatte
er absolut Gleichgesinnte und vor allem Könner an seiner Seite. Die
Deutsch-Rock-Szene scheint eine große Familie zu sein, denn jeder hatte
schon mit jedem gespielt. Das schwerste Erbe, mochte man glauben, hatte wohl
Mike Starrs (Lucifer's Friend, Colosseum II) anzutreten, denn er muß
Vergleiche mit dem leider viel zu früh verstorbenen James Hopkins-Harrison
hinnehmen. Aber nein - perfekter und bravouröser kann man den Job nicht
meistern.
Selbst ein heruntergefallenes und akrobatisch aufgefangenes Mikro
bei Night an a town brachte nur einige gesungene Lacher in die
Strophe und sorgte für Sympathie. Lake präsentierte an diesem Abend
hauptsächlich Songs der ersten drei Alben, und es war erstaunlich, wie
viele Besucher noch On the run, Jesus came down oder
Scobbie doobies kannten. George Kochbeck bearbeitete agil und
gewohnt gekonnt die Keyboards und übernahm bei den beiden Don-Henley-Songs
Drivin` with your eyes closed und Dirty laundry den
Gesang. Bexi Becker hatte sichtlich Freude an seinem Bass und trug wesentlich
zum gelungenen Satzgesang bei. An den Drums saß Mickie Stickdorn, der
seinen Spaß nicht verbergen konnte und wollte. Es bestätigt sich
immer wieder, gute Musik ist zeitlos und läßt den bekannten Funken
überspringen, denn niemand konnte stillstehen. Hopeless love
ist immer noch eine Hymne, See them glow, Angel in
disguise, Between the lines sind Evergreens, an denen auch
die Kids unter den Besuchern Gefallen fanden. Nach drei Zugaben und 100 Minuten
Spielzeit durfte Lake die Bühne verlassen. Für alle gab es an diesem
Abend nur ein Motto: Glad to be here.
Fazit: Es hat sich auch zur 9. Rocknacht wieder bestätigt, dass
derartige Veranstaltungen, von ein paar Besessenen ehrenamtlich organisiert,
mehr Spaß machen und einfach familiärer sind und trotzdem mit der
erforderlichen Professionalität aufwarten. |