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Der Prignitzer, 06.09.1995
Nacht, Nebel und Rock auf der Burg
Musikereignis zugunsten der Plattenburg hatte Erfolg
Plattenburg - Es ist Freitag, der 25. August. An einem
drückend heißen Nachmittag sitze ich im Wohnzimmer des Perleberger
Zahnarztes Dr. Uwe Steuer und seiner Frau Maria. Im Hintergrund ist ein
Schlagzeug aufgebaut, Uwe Steuer schiebt Demo-Kassetten in die Anlage. Ja, er
hat früher selbst Musik gemacht, sagt er, aber das ist nicht der einzige
Grund, warum er das organisiert hat, was in acht Tagen als "Erste Rocknacht auf
der Plattenburg" über die Bühne gehen soll. Die Idee kam von
Steuerberater Dietmar Vollert; der Sauerländer hatte den "Burgrock" auf
der Burg Altena erlebt und fand, so etwas würde durchaus auch auf die
Plattenburg passen. "Wir wollen die Leute hinter dem Ofen hervorlocken, gerade
die Altersgruppe, die sich für Discos schon zu alt fühlt, und die
auch nicht in die Kneipe will. Und etwas für die Region, speziell für
die Plattenburg, wollen wir auch tun. Der Erlös der Rocknacht soll zur
Rekonstruktion der alten Wasserburg verwendet werden", so Steuer zum Vorhaben.
Sieg über Skeptiker
Im März stellten die Männer, beide Mitglieder des
Vereins zur Förderung und Erhaltung der Plattenburg, ihr Projekt vor,
ernteten Zustimmung wie auch Skepsis. Als dann der Landrat grünes Licht
gab, stürzten sie sich gemeinsam mit Zahnarzt-Frau Maria Steuer in die
Vorbereitungen.
Sonnabend, 2. September. Der Abend bricht langsam an, die
Plattenburg präsentiert sich romantisch und verträumt. Zwei
Kätzchen balgen sich, verschwinden hinter einem Tor. Efeu rankt sich an
jahrhundertealten Backsteinen hoch, auf der Burgmauer wächst Gras. Doch
heute passiert hier etwas, was das alte Gemäuer garantiert noch nicht
erlebt hat. Weiß auf blauem Untergrund verkündet es ein breites
Band: "1. Rocknacht"! Ungewöhnlich für diesen Ort, der bisher der
Klassik und mittelalterlichen Spektakeln vorbehalten war, die Klänge aus
den Boxen; Soundcheck ist angesagt.
Perfekte Vorbereitung
Drei verschiedene Musikrichtungen werden hier heute erklingen,
eine Sängerin und zwei Bands werden sich auf der Bühne abwechseln.
Wenn nur das Wetter mitspielt", hofft Maria, die gestern
nach einer Woche naßkalten Wetters schon ganz deprimiert war. Doch heute
sieht es wieder besser aus. Wieviel Leute mögen wohl kommen? An die 300
Karten sind im Vorverkauf weggegangen weiß Maria, und sie versucht sich
in Gelassenheit: "Jetzt können wir sowieso nichts mehr ändern; was
getan werden konnte, haben wir getan."
So ist es in der Tat, organisatorisch ist alles bis ins Detail
vorbereitet worden. 35 freiwillige Helfer sind gewonnen worden, Sponsoren
wurdeb gefunden, acht Männer eines Sicherheitsunternehmens stehen für
den Fall des Falles bereit, auch ein Wagen mit Rettungssanitätern
fährt vor. Zwei Schilder mit der Aufschrift Wertmarken" weisen die
Besucher darauf hin, daß an den Ständen ohne die Papierabschnitte
nichts zu haben ist. So deckt man sich vorsorglich ein, je drei Mark(en)
für Bier oder Cola, sieben für Wein oder Sekt, auch Gegrilltes ist zu
haben, nur Schnaps gibt es nicht.
Langsam füllt sich der Burghof, die Stimmung ist gelöst
und friedlich. Vielleicht fünf- oder sechshundert sind es geworden,
schätzt Maria. Viele sind zwischen dreißig und vierzig, aber auch
ganz junge Leute sind darunter, wie zum Beispiel das Mädchen mit den
blauen Haaren. Man trägt Jeans in allen Varianten (auch der Landrat ist in
den unverwüstlichen Blauen zu orten), aber auch Leder und richtig
Ausgeflipptes. Die Kenner von Musikfestivals haben sich schon längst auf
der Wiese niedergelassen, als nach zwanzigminütiger Verspätung
Hornbläserinnen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Es geht los!
Unplugged" kam an
Ein Einspiel vom Band, Uwe Steuer und Dietmar Vollert
eröffnen den Abend. Als Opener ist eine SingerSongwriterin angesagt, wie
es so schön neudeutsch heißt. Meike Köster, noch 22 Jahre jung,
kommt mit Gitarre und langen wallenden Haaren auf die Bühne. In ihren
Liedern, ausnahmslos eigenen übrigens, verarbeitet sie vorwiegend
Autobiographisches. Die englisch gesungenen Songs kommen an beim Publikum; ohne
Zugabe kommt die junge Frau nicht davon. Auch im Nachhinein ist zu erfahren,
daß Meike den Nerv der Besucher getroffen hat. Doch vorerst klettert sie
die Malerleiter hinter der Bühne (gebaut vom CJD) hinunter und macht der
nächsten Band Platz, der Gruppe Ageless" aus Berlin. Die Ostband hat
kurioserweise Dietmar Vollert, der Steuerberater aus dem Westen, ausgesucht.
Obwohl, eigentlich ist er kein richtiger Wessi mehr, denn den sicheren
Beamtenjob hat er an den berühmten Nagel gehängt, um im Osten zu
arbeiten.
Ageless" macht derweil seinem Namen alle Ehre, denn sie
spielen zeitlose Rockmusik von Bruce Springsteen, Joe Cocker, Bette Middler,
Rod Stewart; querbeet geht es durch die Geschichte der Rockmusik, und das
Publikum geht mit. Zwar zeigt man die Begeisterung meist nur verhalten, aber
die Augen leuchten und der Rhythmus zuckt in den Beinen oder den vorsorglich
mitgenommenen Regenschirmen. Angenehm rauchig die Stimme der Sängerin -
die kennt man doch? Richtig, bei Juckreiz" hatte man sie schon
gehört, wie auch die anderen Bandmitglieder sich schon in bekannten
DDR-Bands ihre Sporen verdient haben. Gegen halb elf erreicht die Stimmung
ihren Höhepunkt, als Lipsi", der Schlagzeuger der Band und
unverkennbar als Sachse zu outen, zur Trompete greift und den guten alten
Satchmo parodiert.
Keine Eintagsfliege
Hans Moser, Louis Armstrong und Helge Schneider, alles hat er
drauf. Das Publikum ist begeistert; der Landrat verfolgt das Spektakel aus dem
Rittersaal, wo er es sich mit einer Zigarette am offenen Fenster bequem gemacht
hat. 600 Zugaben hätte man noch in petto, verkündet Lipsi, bevor er
sich dann doch für ein letztes Lied entscheidet. Was eine Frau im
Frühling träumt, verriet das Lied einstmals vor 63 Jahren; jetzt
beschreibt es die Zustände auf Lipsis heimatlichem Balkon. Doch dann ist
unwiderruflich Schluß.
Hinter der Bühne herrscht Finsternis, Kerzenlicht lockt in
ein Gewölbe im Knappenhaus. Ein Buffet mit allerlei Köstlichkeiten
erwartet dort die Musiker. Anders als bei rein kommerziellen Veranstaltungen
fühlen sich die Musiker auch als Menschen wahrgenommen - das paßt
zum Stil der Rocknacht, in der keiner an sein eigenes Portemonnaie denkt.
Inzwischen läuft der Haupt-Act des Abends, die
Sauerländer Gruppe Angel Heart" schlägt eine härtere
Gangart an. Nebelschwaden wabern unaufhörlich über die Bühne,
während ein Gitarrist in dekorativ zerfetzten Jeans von Zeit zu Zeit das
schwarz-bunt gemusterte Darunter zeigt. Einige tanzen, bei den Balladen werden
die Feuerzeuge gezückt. Doch langsam lichten sich die Reihen, dem Publikum
ist die Musik doch eine Idee zu hart. Am Grillstand geht die vierte Kiste
Brötchen zur Neige, die Rettungssanitäter kümmern sich um einen
Mann, der einiges über den Durst getrunken hat. Am Wertmarkenstand wird
Bilanz gezogen: Fast 2000 sind verkauft worden. Nach einem furiosen
Schlagzeugsolo geht es auf den Schluß zu, der dann mit einer
Cover-Version von Barclay James Harvest noch einmal die Feuerzeuge in. der
Nacht leuchten läßt.
Der Burghof leert sich, von den Veranstaltern fällt langsam
die Spannung ab. Uwe Steuer, zufrieden mit der Resonanz, ist sich sicher:
Nächstes Jahr gibt es die zweite Rocknacht.
Eva Badenschier |